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Revisionitis.

Fragen über FragenPosted by Vorstand Sun, December 06, 2009 18:30:47
Die Daten zum US Arbeitsmarkt sind oft Auslöser von Diskussionen. Dabei geht es oft nicht um die Werte selbst, sondern um oft nicht gerade intuitiv verständliche Entwicklungen.



In der Regel liegen die Ursachen bestimmter Abweichungen verschiedener Statistiken in Änderungen der Struktur der Arbeitslosigkeit, da ja in den Staaten wie auch in Deutschland jemand zwar arbeitslos sein kann, aber trotzdem nicht als Arbeitsloser in den Statistiken auftaucht. Das kann verschiedene Gründe haben, auf die wir hier nicht im Einzelnen eingehen wollen. Es genügt die Feststellung, das derartige Statistiken in der Regel die Zahlen nicht zu negativ darstellen. Das ist kaum verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, wer diese Daten der Öffentlichkeit präsentieren darf.

In den Staaten nahm im November die Zahl der „Civilian Labor Force“ um 291.000 Personen ab. Dies hat Auswirkungen auf die Bezugsgröße der Arbeitslosenquote.




Die Grafik zeigt einen Auszug aus dem aktuellen BLS Report. Wie kommt es nun zu einem Absinken der Civilian Labor Force? Die Begründung liegt in der Art der Datenerhebung, die auf Umfragen basiert. Menschen werden befragt, ob Sie einen Job haben, einen solchen wollen und eine Stelle gesucht haben. Wer sich beispielsweise dazu entschließt, lieber noch einmal zur Uni zu gehen (angesichts der wegen der desolaten Finanzlage vieler Universitäten drastischen Anhebung der Studiengebühren um teils mehr als ein Drittel sicher besonders für Arbeitslose interessant...) fällt aus der Civilian Labor Force heraus. Das ist kein spezifisches Problem amerikanischer Statistiken, auch in Europa ist dies gang und gäbe. Addiert man die Menschen, die nicht in der Labor Force sind, zu denen, die dazugehören, und ermittelt die Quote der Arbeitslosen zu dieser Gesamtzahl so steigt der Wert kontinuierlich an.

Das soll kein Vorschlag sein, die Arbeitslosenquote auf diese Art und Weise zu ermitteln. Es kann allerdings nicht schaden, die Schwächen des aktuellen Modells zu kennen. Den Gedanken, dass die Zahl der Menschen, die wegen mangelnder Perspektiven und ohne Job aus der Gesamtmenge ausscheiden größer ist als die der Lottogewinner und Börsenprivatiers, können wir leider nicht ganz verdrängen.

Da sich nie genug Leute finden, die sich auf diesem Weg aus der Statistik schleichen, ist das Bureau of Labor Statistics vor langer Zeit dazu übergegangen, das Aufpolieren der Daten zu institutionalisieren. Zu diesem Zweck wurde das sogenannte Birth/Death (B/D) Modell geschaffen. Vereinfacht gesagt handelt es sich hierbei um ein Konstrukt, das Werte ausgibt, die die jeweils in einer Periode geschaffenen oder gestrichenen Stellen durch Firmenschließungen und Neugründungen darstellen sollen. In der Regel werden natürlich Jobs geschaffen, wen wundert’s, american flexibility, you know. Damit kommt man in ökonomisch besseren Zeiten halbwegs durch, gilt doch hier wie in der Politik im Allgemeinen der gängige Satz „wer fragt den Sieger nach der Wahrheit“. Fällt eine Volkswirtschaft in eine Rezession oder Depression offenbart der Modellansatz allerdings eklatante strukturelle Schwächen.

So weist das B/D Modell in der stärksten Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten der letzten Dekaden munter weiter neu geschaffene Stellen aus und sorgt so für kontinuierlich zu gut ausgewiesene Arbeitsmarktdaten.



Besonders interessant ist die beeindruckende Zahl von vermeintlich neuen Stellen im Baugewerbe, ist dies doch nicht der Sektor, der von einer veritablen Baukrise profitiert, vor allem dann nicht, wenn die Neubauzahlen auf einem Rekordtief dahinvegetieren. Sie verweisen auf die Infrastrukturprogramme? Ein interessanter Punkt, leider ist jedoch die Lage nicht nur im Hochbau schlecht, auch der Tiefbau muss sich die Straße zu den blühenden Landschaften erst noch bauen. So taucht der Gesamtsektor regelmäßig als eines der großen Sorgenkinder bei den Entlassungsstatistiken der Bundesstaaten auf.




Die Tabelle zeigt einen üblichen Wochenreport der Staaten, es liegt hier weder ein sonderlich guter noch ein außergewöhnlich schlechter Zeitraum vor.

Da man beim BLS vielleicht dreist aber nicht unbedingt dumm ist, hat man rechtzeitig einen Passus von der hauseigenen Webseite gelöscht. Diese Zeile stammt aus dem Disclaimer des Modells und ist ein Hinweis auf ein strukturelles Problem:

"The most significant drawback to this or any model-based approach is that time series modelling [...] is likely to have some difficulty producing reliable estimates at economic turning points..."

Das ist eine ehrliche und korrekte Aussage. Leider hat man diesen Passus von der Website des BLS gelöscht. Das geschah nicht gestern, sondern zu Beginn des Jahres 2008, also in einer Phase, die sich durchaus mit dem Begriff “economic turning point” bezeichnen ließe. Es gilt wohl auch für die Aufrichtigkeit: Alles zu seiner Zeit. Das Modell scheint übrigens über alle Maßen träge zu sein, denn der ökonomische Wendepunkt liegt nun schon ein Weilchen hinter uns. Vielleicht hat man ja die Modellierer der Ratingagentur Fitch eingestellt. Diese hatten, ein unvergessenes Highlight der Krise, zur Bewertung von Immobilienkrediten ein Modell konstruiert, das nur mit Hauspreissteigerungen arbeiten konnte. Mit sinkenden Preisen konnte es nicht umgehen. Das hat in der Folge prima funktioniert, wie Sie sich sicher denken können.

Neben den normal arbeitslos gemeldeten Personen gibt es noch diejenigen, die aus der staatlichen Hilfe und oft auch aus den Statistiken herausgefallenen Menschen. Diese können einen Antrag auf eine amerikanische Form der Sozialhilfe stellen, die Emergency Unemployment Compensation (ECU), die in der Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten liegt.

Diese meldeten die erschreckende Zahl von 3.859.553 Menschen, die nach dem Auslaufen der normalen Unterstützung ECU beantragt haben. Immerhin sind dies gut 2,5% der gesamten US amerikanischen erwerbsfähigen Bevölkerung, womit die Zahl in etwa auf einem Niveau mit der Bevölkerungszahl des Bundesstaates Oregon liegt. Falls ihnen Oregon nicht viel sagt, dort wohnen mehr Menschen als in Nevada, Arkansas, Nevada, New Mexiko oder vielen anderen Staaten. Die Zunahme der Anträge auf derartige Hilfszahlungen ist nicht minder beeindruckend, lag der Wert vor einem Jahr doch bei 777.393. Innerhalb eines Jahres ist die Menschenschlange vor den Ämtern auf gut das Fünffache angestiegen. Laut der kürzlich gemeldeten Zahl für die Woche zum 14. November 2009 erreichten allein in dieser Woche mehr als eine Viertelmillion neuer Anträge die Behörden. Woher auch immer die Floskeln von einer Stabilisierung der Lage oder gar einer Wende hin zum Besseren ihre Berechtigung beziehen sollen, die Realität kann diese nicht liefern.

Im Hinblick auf die Situation bei der NASA, die gerade dabei ist, die verbliebenen Raumfähren soweit zusammenzuflicken, dass sie noch ein paar Mal um die Erde kreisen können, bevor auf russische Transporter zurückgegriffen muss, kann man wohl sagen, mit einem Mondflug wird es vorerst nichts werden. Das macht aber auch nichts, fände man auf dem Erdtrabanten wohl nur die eigenen Zahlen zur Arbeitslosigkeit und den Firmeninsolvenzen. Diese machen sich gerade auf den Weg, die Umlaufbahn des Planeten mit Schwung zu verlassen.

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