Bankhaus Rott

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Der Balken im eigenen Auge.

Fragen über FragenPosted by Vorstand Mon, November 16, 2009 19:48:17

Wer Probleme hat, beginnt diese zu lösen oder zeigt mit dem Finger auf andere, um ein wenig abzulenken. Die US Bundesstaaten sind vor allem dann sehr rege, wenn es darum geht, jemanden zu finden, um den es wirtschaftlich vermeintlich ebenfalls nicht gut bestellt ist. Vor einigen Monaten waren dies die osteuropäischen Staaten, in den vergangenen Wochen war die Sau, die man durchs Dorf trieb, mal wieder Japan. Ganz überraschend stellte die vereingte amerikanische Presse fest, das Land der aufgehenden Sonne hätte ja einen enormen Schuldenstand. Ach? Ganz lustige sprachen auch vom Land der untergehenden Sonne. Ein prima Witz, sicher ein echter Partykracher. Den Humor können Sie ja einmal versuchsweise mit japanischen Aktienhändlern teilen, die sich seit über 20 Jahren in einer Neumondphase befinden. Viel Spaß.



Die Lage in Japan ist sicherlich weder gut noch beneidenswert, aber abgesehen davon, dass die Verschuldungsrate in Japan nicht über nacht angestiegen ist, finden wir das dauernde Ablenken von Ländern wie den USA oder Großbritannien, die sich nur mit dem Drucken von Geld über Wasser halten können, sehr befremdlich. Einen Blick in die ganz tiefen Ebenen der US Kommunen ermöglichten uns die Insolvenzen der Städte Prichard und Vallejo. Heute wollen wir einmal auf die Lage der US Bundesstaaten blicken, die selbst ein höflicher Mensch nur als desolat bezeichnen kann.

Die Haushaltssituation erreicht in vielen bedeutenden Staaten der USA Stadien, die der von nicht entwickelten Ökonomien auf frappierende Weise ähneln. Ein Blick auf die folgende Tabelle zeigt unter anderem die Veränderung der Steuereinnahmen auf Jahresbasis und die aktuellen Haushaltsdefizite einiger stark betroffener Bundesstaaten. Zur Erinnerung, Kalifornien als bevölkerungsreichster Staat ist alleine die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde. Das im Grunde überfällige Eingeständnis der Pleite des Sonnenstaates wäre aus ökonomischer Sicht somit durchaus als historisches Ereignis einzustufen.


Ja, man muss tatsächlich zweimal hinschauen, aber es sind tatsächlich die Haushaltsdefizite der dargestellten Staaten, selbst der Begriff grauenhaft ist noch von britischem Understatement geprägt. So kann Kalifornien nur gut die Hälfte der Ausgaben durch Einnahmen decken, und das bei einem Einnahmenrückgang von etwa 16%. Gute 50% der Zahlungen stammt aus neuen Schulden, die der Staat leider nicht einfach so aufnehmen konnte weshalb man erneut beherzt auf die guten alten Schuldscheine (IOU) zurückgriff, mit denen man die Menschen abspeiste. So viel zum Thema „In God we trust – all others pay cash!“. Wen wundert’s, einem solchen Staat leiht man nicht unbedingt sein Geld. Vor allem nicht zu den absurd niedrigen Fantasiezinsen, die den Landesvätern vorschweben, und an die sich alle an der Greenspangrippe erkrankten über Dekaden gewöhnt haben. Was müsste Ihnen ein solches finanzielles Entwicklungsland an Zinsen zahlen? 15%, 17,5% oder vielleicht 20%? Man weiß es nicht, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, es könnte eine gute Idee sein, die Moneten lieber im Tschad zu investieren. Auch das mittlere Haushaltsloch aller Bundesstaaten ist mit über 17% nicht gerade ein Aushängeschild für die immer noch gefühlten Marktwirtschaftler in Übersee.

Der Staat Nevada schafft ein weiteres Kunststück und zaubert trotz marginal steigender Einnahmen ein saftiges Haushaltsloch von 37,8% auf das grüne Filztuch. Nichts geht mehr, hört man den Staatscroupier rufen. Nevada wäre aber nicht Nevada wenn es nicht noch eine weitere Karo drei im Ärmel hätte. Sagenhaft, wie der Wüstenstaat eine neue Definition des Baubooms geschaffen hat. Die Zahl der Zwangsvollstreckungen hat mittlerweile die Zahl der Neubauten überholt. Immerhin, wenn man die Preisrückgänge dann irgendwann einmal zulässt, wird sich irgendwann auch wieder ein Käufer für die Häuser und Casinos finden. Vorher müsste allerdings der Weg der USA zur staatlich finanzierten Hypothekenkolchose verlassen werden. Das wäre allerdings nicht sonderlich gut für die Banken, mit dem Abschreiben hat man es ja in der Branche nicht so.



Ein weiterer Klotz am Bein der in wachsenden Finanzierungslöchern ertrinkenden Staaten ist durch das Schicksal vieler Kommunen bereits bekannt. Die steigenden Pensionslasten haben bereits einige Städte wie Prichard oder Vallejo zum Konkursrichter getrieben. Bei den Bundesstaaten ist die Lage genauso schlecht, nur die Dimension ist größer.

So hat etwa Illinois nicht viele Bereiche, in denen man von Wachstum sprechen kann, und wenn, dann sind es die falschen, wie die ungedeckten Pensionsverpflichtungen. Von einer Deckung derselben spricht man in den USA ohnehin nicht mehr, man begnügt sich ganz bodenständig mit der Verwaltung der Unterdeckung, die sich allein in Illinois auf ca. $55 Mrd. beläuft. Aus so etwas wächst man nicht heraus, nicht im Aufschwung und schon gar nicht in einem Umfeld, wie wir es aktuell betrachten dürfen. Aus so einer Situation kommt man nur durch eine Insolvenz heraus. Schlecht für die Pensionäre, schlecht für den Konsum und sicher nicht stabilisierend für das angespannte soziale Gefüge. Die nur dumm zu nennenden Aussagen selbsternannter Götterboten aus dem Kreise der Investmentbanken, die insgesamt eine Summe von $30 Mrd. an Sonderzahlungen ausschütten, weil Sie sich erfolgreich vom Staat haben retten lassen, wirken sicher nicht besänftigend für die Volksseele. Vielleicht missverstehen wir aber auch die Motive derartiger Äußerungen, und es ist dem ein oder anderen ein Herzenswunsch von einem wütenden Mob aus seiner Villa gezerrt zu werden. Sollte das der Fall sein, dann wäre man vermutlich auf dem richtigen Weg.

Historisch betrachtet haben Staaten übrigens ihre härteste Zeit immer dann, wenn eine Rezession technisch als beendet betrachtet wird. Das liegt daran, dass dieses Signal oft durch eine erste Gegenreaktion des Wachstums ausgelöst wird, die in ihrer Stärke von dem vorherigen Wachstumseinbruch abhängt. Geht es schnell bergab dann folgt, wie aktuell gut zu sehen, eine schnelle Gegenreaktion auf Grund des Basiseffekts. Die Arbeitslosigkeit steigt oft weiter an, was für die öffentliche Hand weitere Ausgabensteigerungen bei gleichzeitig anhaltend sinkenden Einnahmen bedeutet.

In normalen Zyklen, die man schon seit dem Ende der 80er Jahre durch die Politik des billigen Geldes, also durch unangemessen niedrige Zinsen und stetiges Schuldenmachen, künstlich zu vermeiden suchte, lief dieser Prozess nach dem immer gleichen Muster ab. Abschwächung der Wirtschaft, Senken der Zinsen am kurzen Ende und Subventionierung des Finanzsektors durch Deregulierung und deutliche Anreize zur Kapitalfehlallokation. Das Ergebnis sind eine stetig steigende Verschuldung und mehr oder weniger große, durch künstliche Stimuli befeuerte nominale Preissteigerungen bei verschiedenen Assetklassen. Der schöne Schein wurde erkauft durch eine schleichende Zersetzung der Kaufkraft und der finanziellen Gesamtsituation des Staates und seiner Teilstaaten.

Der Vorteil für die Verantwortlichen ist die schnell sichtbare nominale Erholung einiger Finanzmärkte. Der Nachteil, bzw. die Kosten des Vergnügens werden für die Allgemeinheit in der Regel erst dann sichtbar, wenn die (Un-)Verantwortlichen nicht mehr aus dem Amt gejagt werden können, weil sie bereits mit dem Lorbeerkranz des Retters gekrönt in einem Aufsichtsgremium hocken und Vernunft und Bescheidenheit predigen. In den Staaten gibt es für diesen Vorgang, sich als Politiker auf Kosten folgender Generationen mit Hilfe von Schulden aus einem Dilemma zu befreien, die schöne Bezeichung „taxation without representation“. Heute Schulden aufnehmen und die Anhebung der Steuern dem nächsten überlassen. Von Verantwortung kann folglich keine Rede sein. Aber wahrscheinlich hat gerade deshalb dieses System so viele Freunde auf dem Globus gefunden. Im Gegensatz zu amerikanischen Autos ein echter Exportschlager.

Die Frage, ob es sich bei der aktuellen Krise um einen normalen zyklischen Abschwung handelt, ist eher rhetorischer Natur. Wenn die Methodik des künstlichen Glättens von Konjunkturzyklen nach drei Dekaden mit Pauken und Trompeten scheitert, ist der Begriff des Strukturbruches wohl angemessener.

Gut zu beobachten ist dies an der weiterhin schwer fassbaren Dimension des finanziellen Elends. Allein die oben genannten Zahlen zu den Budgetdefiziten zeigen das eindrucksvoll. Die Märkte beurteilen die Zahlungsfähigkeit der Staaten übrigens bislang noch mit einer gewissen Gelassenheit, so liegt der Spread der Credit Default Swaps (CDS) als Gradmesser für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz der angeschlagenen Bundesstaaten ungefähr auf dem Niveau besserer osteuropäischer Emittenten. Der Chart zeigt die Entwicklung des CDS Spread auf den Bundesstaat Kalifornien mit einer Laufzeit von 5 Jahren.



Der in der Grafik dargestellte Wert bedeutet, die Versicherung einer Summe von $1 Million gegen einen Kreditausfall Kaliforniens kostet derzeit etwa $14.000 pro Jahr. Die Frage, was denn eine solche Versicherung wert ist, wenn der Fall der Fälle eintritt, lassen wir einmal dahingestellt, das Stichwort Counterpart Risiko ist eine eigene Baustelle.

Vielleicht möchte sich auch niemand die Frage stellen, wer denn als Retter noch bleibt, wenn der Retter nicht mehr da ist. Diese Antwort kann wohl nur die NASA klären, gehen doch die Möglichkeiten einer geordneten finanziellen Rettung irdischen Ursprungs so langsam aus.


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