Bankhaus Rott

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Rückblende.

Fragen über FragenPosted by Vorstand Wed, November 11, 2009 17:21:24

Der vielzitierte Aufschwung ist abseits der Aktienkurse leider weiterhin nicht erkennbar. Das bisschen Glanz, dass derzeit freudetaumelnd von den Gazetten mit Wunderkerzen begrüßt wird, bezieht sich auf monatliche Veränderungsraten ökonomischer Kennzahlen oder, immer gerne genommen, gleich auf Schätzwerte zur aktuellen Lage.

Fangen wir einmal mit den in der so genannten Fachpresse gefeierten Zahlen unseres bundesdeutschen Lieblingsversicherers an, der Allianz. Abgesehen von den dauerhaften Problemen im Versicherungsgeschäft und der Frage woher die passenden Renditen aus der Kapitalanlage zukünftig kommen sollen, läuft es dem Vernehmen nach super. Der Gewinn sprudelt fast so, wie im vergangenen Jahr die Verluste, und die Finanzleiche Dresdner Bank hat man über den Umweg Commerzbank gleich einmal teilverstaatlicht. Diese Entscheidung wurde übrigens gefühlte sieben Mal so laut gefeiert, wie der damalige Entschluss dieses desolate Bankhaus zu kaufen rückwirkend gegeißelt wurde. Nachdem man im Jahre 2001 die Dresdner Bank für €23 Mrd. gekauft hatte, verkaufte man sie dann im Jahre 2008 für €9,8 Mrd. Euro an die Commerzbank. Womit das Ende des einen Fehlers gleichzeitig den nächsten Fehler einläutete. Zwischen Kauf und Verkauf liegen satte €13.200 Millionen Euro, exklusive Gehältern und den sonstigen Kosten des Debakels. Die aktuelle Marktkapitalisierung des Versicherungskonzerns liegt derzeit, nebenbei bemerkt, bei etwa €38 Mrd.

Kurzfristige Sicht:

Zu besagten Freudensprüngen fällt uns nur das gute alte Sätzchen vom Reh ein, in etwas abgewandelter Form. Der Dax springt hoch, der Dax springt weit, warum auch nicht, er hat ja Zeit. Ein Blick aufs große Bild zeigt, dass zumindest die Allianz das Gazellenkostüm noch ein Weilchen tragen muss, um wieder aus dem Dickicht zu kommen.

Langfristige Sicht:


Ach, ein Einzelwert, was solls. Schauen wir uns deshalb mal eine wichtige Kennzahl der Eurozone an, die Industrieproduktion. Auch hier dominiert eine Freude, die mit der Erleichterung zu vergleichen ist, die sich einstellt, wenn sonntags die Kopfschmerztabletten endlich zu wirken beginnen und der Eindruck entsteht, man sei topfit. Nur nicht die Augen aufmachen.

So so…

Wir befinden uns also bei etwa 90% des Niveaus von vor 5 Jahren, Hut ab, da wird sich die Industrie sicher hurtig in neue Investitionen stürzen um der Auftragsflut Herr zu werden. Wer es genau wissen will, die Industrieproduktion in der Eurozone liegt auf dem Niveau von 1998, dumerweise aber mit den Kapazitäten von 2009. Nur für den Fall, dass jemand mit neuen Jobs oder Kapazitätsausweitungen rechnet. Die Auslastung der letzteren liegt derzeit bei etwa 70%, gute 12 Prozentpunkte unter dem Mittel der Jahre 1985 bis 2008. In Deutschland liegt die Kapazitätsauslastung zwei Punkte höher, der Mittelwert allerdings ebenfalls. Für die Republik ist dies der geringste Wert seit ewigen Zeiten, selbst in der Ökrise hat man es nur knapp unter die Marke von 75 Zählern gebracht. Bei all den monatlichen Jubelarien sollte man das im Hinterkopf behalten. Auch ein toter Fisch springt hoch, wenn man ihn nur aus ausreichender Höhe abwirft. Quicklebendig wird er davon aber nicht.

Manchmal fragt man sich, warum solche Nachrichten derart gefeiert werden, obwohl die Langfristperspektive jedem offen steht, der sich dafür interessiert. Ein Grund ist sicherlich in der Abhängigkeit zahlreicher Medien, vor allem der Tageswirtschaftspresse, von den Werbegeldern der großen Finanzinstitute und der Fondsgesellschaften zu sehen. Diese sind wiederum auf einen stetigen Zufluss von Kundengeldern angewiesen, der sich je nach Nachrichtenlage besser oder schlechter bewerkstelligen lässt. So liest man viel zu oft von erfolgreichem Management, wenn ein Aktienfonds nach 30 Jahren vor Gebühren um 0,3% besser abgeschnitten hat als ein Vergleichsindex. Das dann „Alpha“ zu nennen ist natürlich sachlich falsch und sicher oft als Witz gemeint. Selten so gelacht.
Nach Gebühren wird es dann oft ganz besonders traurig. Ein Blick auf den CDAX, der alle deutschen im Prime und General Standard gelisteteten Aktien umfasst, entlarvt das angeblich dauerattraktive Investment nach dem buy and hold Ansatz. Seit 1970 erzielte der Index eine hypothetische Rendite von 5,96% p.a. Zieht man einmal höflich 1,5% p.a. für die bei einem Anlagevehikel anfallenden Gebühren und die Ertragsbeteiligung ab, so verbleiben knappe 4,5% jährliche Rendite. Depotkosten, Ordergebühren, anachronistische Ausgabeaufschläge und eventuelle Umschichtungen einmal außen vor gelassen, hätte ein solches Aktieninvestment in den vergangenen 40 Jahren also nicht die gerne in unseriösen Modellrechungen vieler Institute verwendeten Kennzahlen erreicht. Hier ist oft von 6% (selten) bis hin zu absurden 8% (oft) pro Jahr die Rede. Vergessen Sie es, das ist Marketing. Das heißt nicht, dass es nicht auch gute Anlageberater und Vermögensverwalter gibt. Das heißt aber sehr wohl, dass diese sehr rar sind. Meistens sind dies nicht die lautesten Vertreter der Zunft und selten legen sie übermäßigen Wert auf Optik und Beschaffenheit von Manschettenknöpfen. Jeder hat halt sein Spezialgebiet.

Aber Schluss mit der ganzen Zurückblickerei! Wie sagte noch ein Bankchef aus dem Norden kürzlich? Er wolle nicht mehr über die Vergangenheit reden. Und außerdem, wer sich Anfang der 90er wohlgefühlt hat, dem müsste es rein ökonomisch betrachtet doch derzeit ganz heimelig erscheinen. Vielleicht gibt es ja in der Retro-Realität demnächst noch etwas für die Fans der Ölkrise! Wir werden uns dies alles in Demut anschauen, denn wie es ja ein bodenständiger Vorstand einer Investmentbank kürzlich lehrte: Wir sind alle nur kleine Arbeiter im Weinberg des Herrn.

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