Bankhaus Rott

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Einmal ist keinmal.

Fragen über FragenPosted by Vorstand Wed, November 04, 2009 22:03:02
Die Stadt Prichard in den Vereinigten Staaten kann sich außerhalb des eigenen Landes nicht gerade großer Berühmtheit erfreuen. Wir wissen nicht, ob das daheim in den USA anders ist, handelt es sich doch um eine kleine Stadt mit etwas weniger als 30.000 Einwohnern im Südwesten Alabamas. Laut offizieller Website sieht sich die Stadt als stolze Kommune mit einer reichen und großartigen Geschichte. Der Reichtum ist offensichtlich aufs kulturelle beschränkt, hat das Städtchen doch gerade die Insolvenz nach Chapter 9 beantragt.

Umgehauen hat die angeschlagenen Stadtfinanzen ein nicht mehr zu bändigendes Defizit im Pensionsfonds. Bitter für die Pensionäre, die Schecks für den Oktober wurden nicht mehr ausgehändigt, mit Zahlungen für den November – in welcher Höhe auch immer - sollte laut Aussagen eines Anwalts der Pensionäre wenig überraschend auch niemand rechnen.




Insolvenzen von Städten sind eine recht seltene Angelegenheit. Den Orden der ersten Pleite darf sich Cleveland ans Revers heften, das vor gut 30 Jahren keinen finanziellen Ausweg mehr sah. Für Wirbel sorgte 2008 der Ort Vallejo in Kalifornien, eine Stadt mit immerhin mehr als 100.000 Einwohnern, als der dortige Rat die Zahlungsunfähigkeit meldete. Die Probleme der amerikanischen Städte sind nicht allein in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zu sehen, oft sind hausgemachte Probleme ein großer Teil des Übels. In der aktuellen Krise der Realwirtschaft werden aber nicht nur der Staat sondern auch die Bundesstaaten und Städte außerordentlich hart getroffen. Der Faktor, der oft über die Zahlungsfähigkeit entscheidet, sind die Pensionslasten, die sich die Gemeinden aufgebürdet haben. Die ungedeckten Lasten hängen am Tropf der stetigen Refinanzierung am Kapitalmarkt, für schwächere Vertreter ein wachsendes Problem. Der kapitalgedeckte Teil der Einlagen, der investiert wurde, macht ebenfalls selten Freude. An den Aktienmärkten ist schon über eine Dekade hin netto nichts mehr zu verdienen gewesen, die Anleiherenditen sind ebenfalls dürftig und was bei ach so schlauen Investments in vollkommen illiquide Assets wie etwa Holz, Kunst oder Andy Warhol Brillensammlungen herauskommt, kann man an den desolaten Ergebnissen der hauseigenen Finanzverwalter der selbsternannten „Elite“-Hochschulen ablesen. Auch dort zeigte sich, dass das ein oder andere vermeintlich generierte Alpha nur ein gehebeltes Beta war, das gefügig mit der Marktrichtung das Vorzeichen wechselte. Das Geld ist weg, aber der ein oder andere Nobelpreis darf natürlich im Regal bleiben.

Auch die Pleite der Stadt Vallejo hatte nebenbei bemerkt ihre Ursache in einem Defizit des Pensionsfonds. Unerwartete Pensionierungen hätten offiziellen Stellen zu Folge zu ebenso unerwarteten Ausgaben geführt (Im Orignal liest sich das wie folgt: „unexpected police and fire department retirements led to an unexpected obligation to pay unbudgeted employee payouts”).
Ein Blick auf die Zahlen aus den offiziellen Projektionen zeigt, dass sich dass Defizit des besagten Fonds allein im Zeitraum vom Sommer 2008 bis ins Fiskaljahr 2009 hinein vervierfacht hätte. Entweder es gab eine überaus beeindruckende Menge an Pensionierungen in Vallejo, oder die Pensionssätze in diesem kalifornischen Ort waren äußerst üppig. Schade, dass sie niemand mehr bekommt.

Die Lage in Prichard war auch vor der Pleite nicht immer lustig, zumindest aus finanzieller Sicht. So wird die auch im Vergleich zum mittleren Niveau der Gemeinden im Bundesstaat Alabama (gutes US Mittelfeld) geringe Wirtschaftsleistung, eine hohe Arbeitslosigkeit, und ein schwaches Ausbildungsniveau beklagt. Interessant im Hinblick auf den weiterhin in arger Schieflage befindlichen Immobilienmarkt in den Staaten, verblüfft ein Blick auf die Entwicklung der Haushaltseinkommen und der Immobilienpreise in der Stadt.



Während das Haushaltseinkommen (betrachtet wird der Median) zwischen 2000 und 2007 um etwa 11% zulegte, entwickelten sich die Hauspreise um gute 50% gen Norden. Da hat sich bis zum Ende der ewig steigenden Immobilienpreise sicherlich eine Menge gefühlter Wohlstand breitgemacht. Auf die Veröffentlichung der offiziellen Daten zu den vergangenen beiden Jahren möchte man lieber gar nicht erst warten. Der Einbruch der Hauspreise, die Jobverluste, die bei einigen Unternehmen zu den gefeierten Kostensenkungsgewinnen geführt haben, dürften hier ein finanzielles Fiasko ausgelöst haben.




Trotz einer abnehmenden Bevölkerung, die sich seit den 60er Jahren mehr als halbiert hat, steigt die Arbeitslosenquote weiter an. Die Menschen können augenscheinlich gar nicht so schnell wegziehen, wie sich die Arbeitsplätze in Rauch auflösen. Trotz einer schrumpfenden Bevölkerung ist übrigens dank der abstrusen Finanzierungsmodelle munter weiter gebaut worden. Trotz der nicht gerade dauerhaften amerikanischen Bauweise, hat sich hier wie im ganzen Land ein ordentliches Überangebot aufgebaut. Die Damen und Herren, die der Stadt den Rücken zuwendeten, haben in der Regel sicher nicht noch schnell zum Abschied ein Haus gekauft. Keine sonderlich positiven Aussichten für die Stadt und ihre Bewohner.


Uns ist natürlich bewusst, dass Prichard nicht die USA ist. Natürlich ist die Pleite der Kleinstadt kein Schuss ins Knie der US amerikanischen Volkswirtschaft. Dennoch sollte man im Auge behalten, was ein Land ausmacht. Es sind nicht die touristisch vermarkteten Glasfassaden und Hochhäuser. Ein großer Teil der Basis eines Landes besteht in den USA wie auf dem ganzen Globus aus kleinen Orten. Auch wenn nicht so viele Orte zum Konkursrichter schreiten wie das bei den Banken der Fall ist, mit einem Zuckerschlecken ist die finanzielle Lage der meisten Gemeinden schon lange nicht mehr zu vergleichen. Die Pleiten von Gemeinden oder öffentlichen Projekten, werden auch für den Municipality Markt noch einiges an Ungemach bereithalten. Bei diesen Anleihen der öffentlichen Hand kommt es schon jetzt öfter zu Zahlungsverzügen und Ausfällen. An diesem Markt kann man auch gut sehen, was dabei herauskommt, wenn man viele kleine Teile zusammenfügt. Die ausstehenden Summe aller Municipal Bond beträgt derzeit satte $2,7 Billionen (ja, europäische Billionen, trillion, 10 hoch 12). Emittiert wurde diese gewaltige Summe von 50.000 verschiedenen Emittenten.

Wir wollen nun mit den Worten des Bürgermeisters von Prichard, Herrn Davis, schließen. Mögen uns diese kurzen Zeilen helfen, die politischen Dauervisionen im deutschsprachigen Raum zu verinnerlichen. Das mit der sicheren Rente zum Beispiel, das wäre doch mal ein Anfang.

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Prichard is on the move! We invite you to catch the vision and become a part of the important changes and expansion the city is experiencing. As stated from the onset of this Administration, we are dedicated to "Achieving the Unachievable!"
Ron Davis, Mayor, City of Prichard
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Im Falle Prichard lässt sich abschließend nur noch anmerken, wie gut sich die Zahlungsunfähigkeit in die großartige Geschichte der Stadt einfügt. Bereits im Jahre 1999 beschritt die Gemeinde schon einmal den Gang zum Konkursrichter. Es war der Gemeinde nicht möglich, Pensionsgelder zu zahlen.

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