Bankhaus Rott

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Von Schiffen und Keksen.

Fragen über FragenPosted by Vorstand Thu, October 29, 2009 14:59:18

Du sollst nicht bauen, was niemand braucht. So oder ähnlich sollte eine goldene Regel der Wirtschaft lauten. Angesichts des ständig schwindenden Marktes, werden wir in Zukunft den Begriff „Marktwirtschaft“ zur Beschreibung eines Großteils der globalen ökonomischen Systeme vermeiden oder in Anführungszeichen setzen. Aber wann hat diese Herauslösung des Marktes aus der Marktwirtschaft (damals noch ohne die kleinen Striche) begonnen? Schwer zu sagen, wie sooft gibt es hier wahrscheinlich eine Unzahl verschiedener Punkte, die als zeitlicher Ursprung des aktuellen Matsches gelten können. Überlassen wir dies den Historikern, die ja oft den größten Katastrophen die langjährigsten Fernsehverträge verdanken.

Schön ist es aber - wenn man sich einmal damit abgefunden hat – sich die Absurditäten der vergangenen Jahre einmal kurz zusammengerafft vor Augen zu führen. Nachdem die Welt sich daran gewöhnt hatte, dass es so etwas wie Nachfrage und Angebot gibt, entwickelte sich hier und da ein Netz aus Produzenten und Konsumenten. Jeder Teilnehmer eines Wirtschaftssystems ist in der Regel sowohl Produzent (bzw. Dienstleister) als auch Konsument. Ausnahmen bilden diejenigen, die vollkommen autark sind, was aber wohl eher den wenigen richtig kernigen Rüdiger Nehbergs des Planeten vorbehalten ist. Wer sich nicht allein auf die Amazonas-Wurmdiät (sorry, Herr Nehberg, sie haben wirklich unseren größten Respekt!) verlassen will, der bietet Produkte oder Arbeit an und erwirbt von anderen angebotene Produkte.

Entwickelt sich dieses System, beispielsweise über Arbeitsteilung und Spezialisierung, so bildet sich ein feines Netz aus Lieferanten von Grundstoffen sowie Vor- und Weiterverarbeitern. Gesellt sich nun ein Geldsystem hinzu, werden die Vor- und Nachteile einer Geldfunktion in das Gebilde integriert. So weit so gut. Der nächste Schritt (bitte nicht als qualitative Evolution verstehen), der sich bis in unsere Zeit erstreckt, ist die Finanzierung. Das Kreditsystem ermöglicht die Finanzierung von Produktionsmitteln oder allgemeiner gesagt, dem Konsum. Abgesehen vom generellen, fatalen Weg, den zinsbasierte Geldsysteme früher oder später beschreiten, hat sich in den vergangenen Dekaden, speziell aber in den vergangen Jahren, ein interessantes Phänomen herausgestellt.

Der Grundgedanke des Handelns in einem derartigen System ist es, die Nachfrage durch die Produktion von Gütern zufrieden zu stellen. Dieses Muster wurde in der Phase des absurd billigen Geldes und der damit verbundenen, für viele große Marktteilnehmer fast unbegrenzt zur Verfügung stehenden Finanzierungen komplett auf den Kopf gestellt.


Nehmen wir als Beispiel einmal die jahrelang sowohl in Edelprospekten als auch in schmuddeligen e-mails beworbenen Schiffsbeteiligungen. Das Geld für neue Wasserfahrzeuge wurde bei Investoren eingesammelt. Hatten Anbieter das nötige Geld beisammen, oft in vorauseilendem Gehorsam auch viel früher, wurden die entsprechenden Kähne in Auftrag gegeben. Interessant, oder? Hier schafft das Angebot an Geld oder Kredit sich einfach die entsprechende „Nachfrage“. Leider trifft der Begriff den Kern nicht, denn diese Nachfrage hat es ja gar nicht gegeben, wie viele Anbieter schmerzlich feststellen müssen. Die Orders wurden gegeben, weil die Mittel zu ihrer Finanzierung zur Verfügung standen, nicht weil sich auf der Nachfrageseite Interesse geregt hat. Vielmehr war die Hoffnung auf Aufträge da, im Grunde handelt es sich hier also um ein Termingeschäft auf die erhoffte entsprechende Nachfrage. Das hat, wie schon die Größenordnung zeigt, nichts mit dem normalen Vorgang einer Produktion auf Vorrat zu tun, die im alltäglichen Kampf von Unternehmern mit normalen Nachfrageschwankungen ihren Ursprung hat.

Stellen Sie sich einmal vor, in der Keksbranche wäre ein solches Verfahren üblich. Jedes Jahr produziert man ein paar Milliarden Schokoladenkekse. Im Normalfall rechnet die Branche vielleicht mal mit steigenden, mal mit stagnierenden oder auch nachgebenden Umsätzen und lässt den Ofen dementsprechend kürzer oder länger laufen. Nun entdeckt eine Gruppe von Finanzinstitutionen einen Aufhänger, um ein Geschäft aus dem Keksgewerbe zu machen. Nehmen wir einmal an, natürlich ein konstruiertes Beispiel, man entdeckt eine Lücke in den unendlichen Weiten des deutschen Steuerrechts, dass es ermöglicht, ein prima Abschreibungsmodell zu basteln. Dieser Steuervorteil bietet sich Investoren, die ihr Geld einem geschlossenen Gebäckfonds anvertrauen, schließlich ist die Gebäckbranche eine Stütze der Gesellschaft, schafft Arbeitsplätze und gehört zum kulinarischen deutschen Kulturgut. Einige Jahre läuft das gut, die Kundengelder ermöglichen ein gutes Geschäft, und die Menschen knabbern munter vor sich hin. Es spricht sich rasch herum, mit Backwaren sind 5% mehr Rendite möglich als mit dem Jeanssparbuch, die Menschen sind begeistert! Der Kapitalstrom steigt um ein mehrfaches, alle wollen dabei sein, Kekse sind der Renner. Man hört es förmlich in den Ohren klingeln: „Wenn jeder Chinese auch nur drei Kekse pro Tag vertilgt...“ und so weiter, das übliche Blabla.

Die Milliarden sind also da, und so produziert man weiter, immer mehr, soviel wie das Kapital (oder die Finanzierung) hergibt. Irgendwann aber kann oder will niemand mehr den persönlichen Kekskonsum steigern. Vielleicht ist Schokolade auch einfach out, weil Al Gore mit betroffener Miene verkündet, sie sei Schuld an den Sonnenflecken oder am Zusammenbruch des Gewerbeimmobilienmarktes. Die Kekse liegen also herum, die Initiatoren der Fonds haben sie bestellt und buchen sie in ihre Fonds ein, die Kunden bleiben darauf sitzen. Klingt irreal? Nun, wie in dieser fiktiven Keksbranche so lief das beschriebene Spektakel nicht nur bei realen Schiffsbeteiligungen ab. Auch bei realen Immobilien wurde auf diese Weise nahezu weltweit die Möglichkeit der Finanzierung für einen künstlichen Schub gesorgt, der kein Nachfrageschub war. Man müsste es vielleicht eher einen Angebotsschub nennen, falls es diesen Begriff gibt.


Genauso absurd und fern echter Märkte sind die aktuellen Lösungsansätze. Diese lauten, auf eine einfache Formel gebracht: Weiter so! Die Zinsen wurden gesenkt (Greenspan’sches Hausrezept), Garantiedarlehen und subventionierte Kredite werden ausgelobt, um „die Nachfrage zu stabilisieren“. Eine Falschaussage, denn hier wird nicht die Endnachfrage stabilisiert, sondern vielmehr der zerbrochene Zwischenweg notdürftig geflickt. Was aber hilft es, marode Schiffsfinanzierer über Wasser zu halten, die Schiffe finanzieren, für die es angesichts eines um mehr als 20% reduzierten Welthandels und drastischer Überkapazitäten keine wirkliche Nachfrage gibt? Was hilft es, Vermittlern von spanischen Immobilien eine Zwischenfinanzierung zu ermöglichen, wenn es in Spanien einen bizarren Bauboom gab, der sich völlig von Bedarf und realer Finanzierbarkeit entkoppelt hat? Bestenfalls handelt man sich auf diesem Wege einen sehr teuer erkauften Zeitgewinn ein. Vielleicht hegt aber jemand die verwegene Hoffnung, ein Meteoritenschauer löscht über nacht ein Viertel der globalen Handelsflotte aus, oder es wird auf auf einen Lust- und Fruchtbarkeitsschub auf der iberischen Halbinsel gewettet, so dass dann irgendwann der bestehende Wohnraum auch gebraucht wird. Falls jemand diese Wetten eingehen möchte, wir stellen gerne die Gegenseite.

Aber so richtig funktioniert es ja mit der Ausweitung der Kredite nicht. Ein Blick auf die Veränderung bei den Konsumentenkrediten zeigt die Entwicklungen in den USA, in Großbritannien und Europa, die sich in seltenem Einklang präsentieren (Daten: Bloomberg, Datenreihen BIP gewichtet).

Das gesamte betrachtete Kreditvolumen schrumpft. Insgesamt sind dies alles weder überraschende noch gute Nachrichten, denn für die auf einen weiteren Angebotsschub Hoffenden sieht es nicht sonderlich gut aus. Doch wenn Blödsinn endet ist das ja im Kern eine gute Sache, auch wenn es mancherorts schmerzen mag. Vielleicht liegt die Ursache des sinkenden Kreditvolumens aber nicht nur, wie aus politischen Zirkeln oft zu hören ist, an der vermeintlich restriktiveren Kreditvergabe der Banken. Vielleicht haben viele Menschen auch einfach keine Lust mehr, sich mit Geld, das sie nicht haben, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Diesen Trend umzukehren dürfte angesichts der nicht gerade Sicherheit und Vertrauen einflößenden Protagonisten der großen Berliner Realsatire schwierig werden. Denn eines steht fest: Wir sind die Wirtschaft.

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