Bankhaus Rott

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I want my money back!

Bankhaus Rott externPosted by Vorstand Sun, November 08, 2009 18:05:28

Diesen Artikel haben wir im Rahmen unserer Kooperation mit www.cashkurs.com veröffentlicht.

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Unvergessen wie Lee Marvin in einem Filmklassiker diesen Satz in die Welt schleudert. Viele Kunden insolventer Banken treffen leider oft niemanden mehr an, den sie mit diesem Satz adressieren können. Selbst wenn es allenthalben verbale Versicherungen gibt, das Einlagensystem sei sicher, so zeigt das Verhalten von Kunden bei aktuellen Bank Runs für wie glaubwürdig diese Aussagen allgemein gehalten werden.

Als Bank Run wird ein rapider Abzug von Bankeinlagen durch deren Besitzer, die Kunden eines Instituts, bezeichnet. In der Regel zeigt ein solches Vorgehen schlicht das nicht mehr vorhandene Vertrauen der Bankkunden in die Solvenz des Instituts. Die plötzlich fehlenden Einlagen führen dann direkt zum Zusammenbruch der so genannten Fundingbasis, das bedeutet, die Fähigkeit zur laufenden Finanzierung ist schlagartig nicht mehr vorhanden, die Bank ist insolvent.

Von vielen Bank Runs hört man daher, um eine grassierende Vertrauenskrise zu umschiffen, auch nur das, was sich nicht unbedingt verschweigen lässt. Trotzdem ist es erstaunlich mit anzusehen, wie viel Platz der Berichterstattung zu den teils nur durch absurde Bilanzierungserleichterungen ausgewiesenen Gewinnen einiger Banken eingeräumt wird, und wie dünn die Nachrichtenlage zu Kundenanstürmen auf Banken ist. Sicher ist es nicht sonderlich schlau, Panik zu schüren. Wohin uns aber das nach unserer Ansicht ebenfalls nicht sonderlich verantwortungsvolle Schüren nicht begründeter Euphorie geführt hat, sehen wir jeden Tag.

Es ist offensichtlich, wie sehr man darum bemüht ist, einen größeren Ansturm auf Finanzinstitute zu verhindern, was ja im Interesse der Aufrechterhaltung des Finanzsystems ein dankenswerter Vorsatz ist. Leider können wir für diese Bemühungen keinen Orden verleihen, denn diese Krise ist nicht nur eine technische Krise des Finanz- und Geldsystems, wir haben es mit einer veritablen Vertrauenskrise zu tun, die sich nicht nur auf die Politik und Teile der Wirtschaft erstreckt. Dummerweise basiert das Finanzsystem auf Vertrauen, „in god we trust“ steht auch auf einigen Geldscheinen. Gott sollte man das Elend aber nicht in die Schuhe schieben, das Unvermögen ist wohl eher irdischen Ursprungs.


Nach den landesweiten Runs auf die Filialen von Northern Rock in Großbritannien, Indymac in den USA, der Bank of East Asia in Hong Kong und weiteren Instituten, unter anderem in Osteuropa, hat kürzlich die Pleite der niederländischen DSB Bank erneut eines gezeigt: Die Insolvenz einer Bank auf Grund von schnellen, massiven Abzügen von Kundengeldern ist kein Relikt der Vergangenheit sondern auch heutzutage nicht nur möglich sondern Realität.

Angesichts der Möglichkeit, Einlagen elektronisch in Windeseile von Banken abzuziehen, wächst hier zusätzlich die Bedrohung digitaler Bank Runs. Geldmarktfonds in den USA haben diese Erfahrung bereits im vergangenen Jahr gemacht, als dreistellige Milliardensummen aus den Vehikeln digital abflossen und eine (ungedeckte) staatliche Stützungsaktion einen direkten Kollaps verhinderte. Ursache war das sogenannte „breaking the buck“ einiger Fonds. Die Formulierung beschreibt das Sinken des Fondswertes unter die Marke von einem Dollar pro Anteil, der Trennlinie zwischen Gewinn und Verlust. Ein Unterschreiten der Marke von einem Dollar bedeutet, das Produkt liegt im Minus, was bei einem Geldmarktfonds natürlich zumindest laut Prospekt nicht möglich sein sollte. Geschafft wurde dieses Wunder diesseits und jenseits des Atlantiks durch Investments in „geldmarktnahe Instrumente“, die sich dann leider oft als ABS Produkte auf Basis von Hypotheken- und Konsumentenkrediten herausstellten. Die Abflüsse erfolgten über elektronische Orders und am Ende des Tages hätte es ohne Stützung geheißen: Fonds kaputt.

Auch in Deutschland gibt es solche „Geldmarktprodukte“. Die zur Beruhigung der Kunden bezogen auf diese Fonds ausgesprochenen Garantien auf die Rückzahlung eines bestimmten Wertes müssen noch zeigen, was sie wert sind. So wäre es durchaus interessant einmal zu sehen, wie denn diese Garantien eigentlich bei den Instituten bilanziert werden. Da mit einer Rückkehr zum Nominalwert bei zahlreichen Investments nicht zu rechnen ist, dürften viele Garantien früher oder später einmal gezogen werden und bei den Gesellschaften entsprechende Verluste anfallen. Ob die Institute bilanziell entsprechend vorgesorgt haben? Wir würden nicht darauf wetten.

Prinzipiell ist ein derartiger elektronischer Mittelabfluss auch bei normalen Einlagen möglich, allerdings sollte die Entschlossenheit des Staates hier nicht unterschätzt werden, einige „Notfallpläne“ in Kraft zu setzen, und solche Prozesse nach Warnung der entsprechenden Institute zu stoppen. Klingt nett, bedeutet aber, dass irgendjemand davon abgehalten wird sein eigenes Geld abzuheben. Zur Beruhigung trägt das sicher nicht halb soviel bei, wie zum kurzfristigen Durchatmen. In Worte gefasst hieße ein solches Vorgehen ja: “Um Ihr Geld zu retten können wir es Ihnen gerade leider nicht geben“.

Der Fall Washington Mutual (WaMu), einem Institut, das sich von der größten Sparkasse der USA zur seinerzeit größten US-amerikanischen Sparkassenpleite aller Zeiten entwickelte, wurde kürzlich zumindest teilweise aufgearbeitet. Anhand der Daten lässt sich ablesen, wie die Abzüge der Kundengelder abliefen. Die Dimensionen sind beeindruckend. Jedem Banker, der weiß, wie unser System aufgesetzt ist, läuft bei solchen Werten der kalte Schauer der Vergangenheit über den Rücken. Zu beachten ist, das offizielle Daten teils noch schlimmer aussehen, was zum Großteil daran liegt, dass auch nichtbare Abzüge (z.B. Überweisungen) in diesen enthalten sind. Der Chart unten zeigt allein die klassischen Abzüge von Geldern während der beiden Runs auf die Schalter und Automaten von Washington Mutual. Hier dreht es sich nur um eines: Cash.


Insgesamt sind WaMu auf diese Weise beim ersten Run, der durch die Insolvenz der ebenfalls nicht kleinen Indymac Bank ausgelöst wurde, gut $9 Mrd. abhanden gekommen. Der zweite Run ist der Vorlauf zur de facto Insolvenz des Instituts, der zur wohl angeordneten Übernahme durch JP Morgan führte. Diesmal flossen in der gleichen Zeit satte $15 Mrd. ab, wohlgemerkt, nur an Schaltern und Bankomaten, das sind $1,25 Mrd. am Tag. Kurz zur Einordnung: Bei der DSB Bank, die zugegebenermaßen ein Zwerg im Vergleich zu Washington Mutal war, hatte man es mit Abzügen von rund €600 Mio. (ca. $880 Mio.) binnen zwölf Tagen zu tun, das sind €50 Mio. pro Tag ($73,5 Mio.). Die zweite Zahlenreihe erblickte übrigens erst das Tageslicht, als die Übernahme abgeschlossen war.

Eine kleine Anekdote noch zur Übernahme. Während JP Morgan sich die Einlagen des Instituts einverleiben durfte und auf diesem Wege ohne eigene Anstrengungen an eine enorme Ausweitung der günstigen Fundingbasis gelangte, verblieben die größten Risiken bei der Einlagensicherungsbehörde FDIC respektive bei den Gläubigern des insolventen Instituts. Ein klassischer Fall von moderner angelsächsisch geprägter „Marktwirtschaft“.

Sehr interessant wäre es, auch von anderen Instituten Daten zu erhalten. Es ist schwer vorstellbar, dass ausgerechnet WaMu am stärksten von den Abzügen betroffen war, denn viele andere Institute dürften ein wesentlich höheres direktes Risiko auf Grund einer löchrigen Bilanz aufzuweisen gehabt haben. Auch andere Vertreter der Branche werden häufiger als sonst üblich nach den Bargeldtransportern gerufen haben. Teilweise wurden Auszahlungshöhen begrenzt, so dass an vielen Automaten nur eingeschränkte Summen abgehoben werden konnten. Leider sind noch lebende Banken nicht sonderlich an einer diesbezüglichen Offenlegung interessiert, was nicht weiter verwundern sollte.

Die zahlreichen Pleiten in den USA haben nicht nur zu einer offensichtlich staatlich gewünschten Konzentration von Risiken geführt. Auch die Einlagenverteilung ist drastisch gekippt, allein der Anteil der vier Institute Citibank, Bank of Amerika, JP Morgan und Wells Fargo ist seit dem Jahr 2000 um mehr als 16 Prozentpunkte angestiegen und bewegt sich auf die Marke von 80% zu. Auf Grund der politischen Vernetzung dieser Institute darf man sicherlich von fortgesetzter Subventionierung und verbaler und monetärer Stützung ausgehen. Ein Run, der diese Institute in Bedrängnis bringen könnte, käme wohl abrupt und simultan über die Realwelt und über die elektronischen Systeme.

Im Augenblick bereiten zumindest den genannten Instituten aber sicher ihre Bilanzen mehr Sorgen als ihre Kunden. Nach dem ersten Teil der Krise, der vielerorts für deutliche Marktwertschwankungen sorgte, aber noch von vergleichsweise geringen Ausfallraten geprägt war, kommt nun die Fortsetzung. Und die wird, kurz gesagt, nicht nur Marktwertänderungen sondern sehr reale Verluste durch Ausfälle mit sich bringen. Da wird es dann eng mit der Bilanzgymnastik.

Einige Banken gehen übrigens mit dem Begriff Bank Run recht ungezwungen um. So lädt ein Institut aus dem Norden seit Jahren direkt mit folgender Anzeige ein.




Falls Sie es also dieses Jahr nicht geschafft haben sollten, im kommenden Jahr gibt es vielleicht wieder die Gelegenheit an einem Bank Run teilzunehmen. Eine wirklich bemerkenswert unsensible Namensgebung.

Zum Film Point Blank sagt das Lexikon des internationalen Films übrigens, es sei ein meisterhaft und mit eisiger Kälte inszenierter Thriller von konsequent pessimistischer Grundhaltung. Etwaige Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufälliger Natur.


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